Warum die Paulusorgel jetzt revidiert werden muss
- 15. Mai
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Mai
Die Paulusorgel gilt als eines der vielseitigsten Instrumente ihrer Art in der Region – klanglich eindrucksvoll, technisch komplex und inzwischen sichtbar in die Jahre gekommen. Prof. Martin Sander, der regelmässig an ihr unterrichtet und konzertiert, spricht über die besondere Geschichte des Instruments, über hängende Töne, historische Setzeranlagen und die Kunst feinster Klangabstufungen. Vor allem aber spricht er über die musikalische Zukunft einer Orgel, die viele seit Jahrzehnten begleitet.

Prof. Martin Sander, Professor für Orgel an der Hochschule für Musik in Basel. Bild: SRF.
Herr Prof. Sander, Sie unterrichten regelmässig an der Paulusorgel. Was macht dieses Instrument für Sie persönlich besonders?
Es ist eine ganz wunderbare, gelungene Synthese aus deutsch-romantischer und französisch-sinfonischer Orgel. Ursprünglich ist das Instrument von Jakob Zimmermann zusammen mit der Kirche hier erbaut worden. Jakob Zimmermann war ein toller Orgelbauer dieser Zeit: klanglich wunderbar, technisch leider immer ein bisschen unzuverlässig. Deshalb gibt es kaum noch Orgeln von ihm, weil man sie irgendwann alle abgerissen hat. Hier wurde sie nicht abgerissen, sondern unter Erhaltung eines Grossteils des Pfeifenwerks neu gebaut – allerdings nun mit zuverlässiger Technik. Wobei wir noch dazu kommen werden, dass Technik natürlich auch nicht ewig zuverlässig bleibt. Aber jedenfalls im Verhältnis zu dem, wie sie ursprünglich wohl war.
Die Geschichte ist übrigens deshalb ein bisschen witzig, weil es damals im Südwesten Deutschlands und in der Schweiz eigentlich zwei grosse konkurrierende Orgelbaufirmen gab: Walcker aus Ludwigsburg und Weigle aus Echterdingen bei Stuttgart. Beide hatten auch ihre Schweizer Dependancen: Weigle den Jakob Zimmermann und Walcker den Orgelbauer Kuhn. Und nun ist das Witzige, dass Kuhn hier die Orgel seines grossen Konkurrenten zu neuem und schönem Leben erweckt hat.
Wie erleben Ihre Studierenden die Arbeit, also das Musizieren an dieser Orgel?
Es ist kein sehr leicht zu spielendes Instrument. In diesem Raum und an dieser Orgel klar zu spielen, ist eine ziemliche Herausforderung. Herausforderungen sind aber immer etwas, an denen man besonders wachsen kann. Deshalb freuen wir uns sehr, dass das hier möglich ist. Und natürlich ist dieses Instrument eines von wenigen, an denen man ziemlich universell grosse Literatur spielen kann.
Was ist diese grosse Literatur? Für welche Musik eignet sich die Orgel besonders gut?
Zum Beispiel das, was wir heute in der Prüfung gehört haben: Reger, Karg-Elert, französische Sinfonik. Es wurde Tournemire gespielt – das geht alles auf dieser Orgel besonders gut. Natürlich hat eine Orgel, die auf der einen Seite ihre ganz besonderen Qualitäten besitzt, stilbedingt auf der anderen Seite auch ihre Herausforderungen. Für Barockmusik muss man sich hier besonders anstrengen, damit es deutlich wird.
Nun funktioniert die Orgel grundsätzlich noch. Warum muss trotzdem etwas gemacht werden?
Erst gestern war der Orgelbauer wieder da und musste etliche hängende Töne gangbar machen. Einer davon hing heute trotzdem wieder. Es ist ein bisschen wie bei einem Auto: Wenn man es nicht in Ordnung hält, werden die Reparaturen immer häufiger – und irgendwann gibt man für die einzelnen Reparaturen mehr Geld aus, als wenn man beim Auto eben ein neues kauft oder bei der Orgel eine Generalrevision macht.
Das ist ein sehr anschauliches Beispiel. Gibt es noch andere Situationen, in denen Sie merken, dass die Technik an ihre Grenzen gekommen ist?
Es ist eigentlich ein Wunder, dass eine Setzeranlage – also quasi ein Computer aus den 1990er-Jahren – heute noch im Wesentlichen funktioniert. Das Problem ist: Er arbeitet mit Speicherkarten, die damals den ganz modernen und wunderbaren Standard von 32 KB hatten. Die bekommt man natürlich nirgends mehr. Heute kriegt man 32 GB. Das ist ein Problem. Wir haben genau noch drei funktionierende Karten. Das heisst, wir müssen sehen, wie wir die irgendwie tauschen. Es gibt keine Chance, die neu zu bekommen, und auch keine Möglichkeit, einzelne Teile auszutauschen. Nichts passt mehr zu dieser damaligen Technik.
Prof. Martin Sander mit seinem ehemaligen Schüler Aurel Dawidiuk, heute «Associate Conductor» des Concertgebouw-Orchesters in Amsterdam. Bilder: SRF.
Sie haben den Begriff Setzeranlage erwähnt, ich ergänze noch Registersteuerung und Manubrienmagnete. Was bedeuten die eigentlich in einfachen Worten?
Man kann sich eine Orgel ein bisschen wie ein Orchester vorstellen. Wir haben hier rund fünfzig verschiedene Register, also eigentlich verschiedene Instrumente. Bei einer Orchesterpartitur steht, wann man einsetzt; dann tut man das – wenn man geübt hat und der Dirigent den Einsatz gibt. Bei der Orgel übernimmt das die Registersteuerung. Man zieht einen Knopf, ein sogenanntes Manubrium. Dadurch wird ein elektrischer Kontakt geschlossen oder ein Impuls ausgelöst, der wiederum einen Motor betätigt, der das Register tatsächlich einschaltet. Das heisst: Dem Register wird Luft gegeben. Dabei wird eine Schleife bewegt, in der lauter Bohrungen sind. Im ausgeschalteten Zustand sind diese Bohrungen abgedeckt. Werden sie über die Luftdurchlässe des Windkastens gebracht, bekommen die Pfeifen Luft. So funktioniert die Registersteuerung.
Wenn man selbst spielt, hat man die Hände meistens gut beschäftigt und kann nicht viel umregistrieren. Bei Barockmusik ist das oft kein Problem – ein Bach-Stück spielt man vielleicht zehn Minuten lang mit ein und demselben Klang, den man vorher in Ruhe eingestellt hat. In der Romantik werden die Klänge dagegen häufiger geändert. Dafür braucht man Registranten, die jedes einzelne Register schnell ziehen oder wieder wegnehmen müssen. Man kann sich das erleichtern, wenn die Orgel einen Setzer besitzt. Dann programmiert man einzelne Kombinationen vor – und einzelne bedeutet hier durchaus hunderte Kombinationen in einem Konzert. Man beginnt dann mit Gruppe A, Nummer 1, und ab da besteht die Aufgabe des Registranten nur noch darin: weiter, weiter, weiter. So kommt man immer zur nächsten vorbereiteten Registrierung. Das ist die Funktion des Setzers.
Die Manubrienmagnete braucht es deshalb, weil der Setzer die Register ja nicht per Hand bewegt. Hinten muss also ein Magnet sitzen, der das Register hinein- oder herausschieben kann, wenn der Setzer verlangt: Jetzt ist das Register drin – oder jetzt ist es wieder weg. Diese Manubrienmagnete sind offenbar ziemlich am Ende ihrer Lebensdauer.
Was passiert bei einer grossen Revision im Innern der Orgel? Wie muss man sich das vorstellen?
Wenn Sie in eine Orgel hineinschauen, sehen Sie eine Vielfalt einzelner Bauteile, die man kaum überblicken kann. Alles ist irgendwie miteinander verbunden, und jedes Teil hat eine ganz spezifische Funktion. Wenn irgendwo zusätzliche Reibung entsteht, dann haben wir einen hängenden Ton. Ich bekomme ihn zwar mit Kraft noch angeschaltet, aber die Feder, die ihn zurückholen soll, reicht nicht mehr aus – dann bleibt er hängen. Das passiert im Moment häufig. Bei der Revision wird all das auseinandergenommen und überprüft. Haben sich zum Beispiel Platten verzogen, auf denen Umlenkwellen sitzen? Das ist nämlich der Fall. Dann müssen sie geglättet und gerichtet werden. Alles wird wieder gangbar gemacht. Eigentlich nimmt man jedes Teil in die Hand und schaut: Muss ich etwas nachschleifen? Muss ich neu schmieren? Es gibt Stellen, an denen man einfach Schmierstoff braucht. Oder ist etwas kaputt und muss ersetzt werden? Da wird jetzt einiges ersetzt werden müssen. Was genau, weiss man vorher nicht, denn um das festzustellen, müsste man bereits alles auseinandernehmen. Das wäre ein Riesenaufwand. Und dann wieder zusammenbauen, nur um anschliessend das Angebot abzugeben – das wäre völlig unsinnig. Deshalb lautet das Angebot letztlich: Wir schauen alles an und ersetzen, was nötig ist.
Wird sich auch der Klang der Orgel verändern?
Eigentlich nicht. Es dürfte einiges etwas präziser werden, und das merkt man dann schon. Aber grundsätzliche Änderungen gibt es nicht. Das wäre dann eine Nachintonation. Im Rahmen der Revision wird allerdings auch gereinigt, und wenn man eine Pfeife in die Hand nimmt und säubert, kann sie sich natürlich minimal verändern. Deshalb geht man anschliessend nochmals darüber. Aber um diese Unterschiede wirklich hörbar zu machen, müsste man eigentlich Vorher-Nachher-Aufnahmen jeder einzelnen Pfeife machen. Im Grunde wird es dieselbe schöne Orgel bleiben – oder wieder werden –, nur eben für eine lange Zeit wieder zuverlässig.
Die Orgel hat zuletzt den Ruf gehabt, nicht mehr ganz zuverlässig zu sein. Wird das Instrument nach den Arbeiten wieder zuverlässiger für Konzerte und Unterricht?
Naja – wenn nicht, dann müssen Sie von der Firma das Geld zurückverlangen! (lacht) Hoffen wir das Beste. Denn es lohnt sich wirklich, dieses Instrument zu erhalten.
In diesem Zusammenhang fragen sich manche vielleicht: Braucht es heute überhaupt noch so grosse Orgeln – gerade in einer Kirche, die nicht mehr als solche genutzt wird?
Ich glaube, da gibt es oft ein Missverständnis: grosse Orgel gleich grosser Krach! Und dann fragt man sich: Wozu brauchen wir das? Wir kommen doch auch mit weniger Lautstärke aus. Aber darum geht es gar nicht. Der Sinn einer grossen Orgel ist nicht, dass sie lauter ist als eine kleine, sondern dass sie feinere Differenzierungen besitzt – sowohl in den Klangfarben als auch in den Lautstärken. Die Idee einer grossen romantischen Orgel ist, dass man, egal auf welchem Klang man gerade ist, immer noch ein Register hinzufügen kann, ohne dass man den Unterschied sofort deutlich merkt. Der Klang wird quasi unmerklich etwas lauter – oder umgekehrt wieder etwas leiser. Erst wenn man bei den allerersten Registern angekommen ist, merkt man wirklich: Aha, jetzt geht es von zwei auf drei Register. Aber diese ganz feine Abstufung von sehr leise bis sehr laut – das ist der eigentliche Sinn einer grossen Orgel. Und das braucht man für gewisse Literatur, egal in welchem Kontext man sie spielt.
Zum Schluss: Gibt es ein besonderes Erlebnis, das Sie mit dieser Orgel verbinden?
Nicht nur eines, sondern etliche! Ein einzelnes herauszugreifen, wäre schwierig. Aber es ist ganz lustig: Ich kenne diese Orgel praktisch seit ihrer Erbauung. Damals wollte ich eine Aufnahme machen, bin herumgefahren, um verschiedene Orgeln anzuschauen. Ich hatte auch bei Kuhn gefragt, ob sie eine Orgel empfehlen würden – und sie haben mir diese hier empfohlen. Sie war damals, 1987, gerade frisch fertig geworden. So habe ich sie kennengelernt. Am Ende hat sich das Fernsehen, für das die Aufnahme gedacht war, doch für einen anderen Ort entschieden… aber seitdem kenne ich diese Orgel und habe in all den Jahren viel mit ihr zu tun gehabt. Es gab hier eine Reihe wirklich toller Konzerte. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Messiaen-Reihe mit Susanne Doll. Wir haben die Werke zusammen gespielt. Für ein Messiaen-Konzert – also wirklich harte moderne Musik – war der Laden voll! Dieses Interesse, das man hier manchmal wecken konnte, das waren schon echte Highlights.
Worauf freuen Sie sich persönlich nach der Erneuerung am meisten?
Natürlich auf die Fortsetzung von all diesem Schönen!
Das Gespräch führte David Rossel im Rahmen der Mitgliederversammlung des Vereins Kulturkirche Paulus im April 2026.






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